Peter Bastian, Fotograf und Journalist

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10
Castel del Monte
  
 
Jazz-Thetik. Magazin für Jazz und Anderes, 11/99

Castel del Monte - Der Respekt vor der Stille

"Zona habitata", bewohntes Gebiet, warnt ein Verkehrsschild auf dem Weg von Ruvo di Puglia zum Castel del Monte. Unendlich scheinende gerade Strassen, die einst an den Rändern von großen Besitztümern entlang führten, zerteilen die karge und doch liebliche Landschaft Appuliens. Lange Steinmauern und "Trulli", Iglu-förmige Steinhäuschen auf den Feldern in diesem Teil Italiens zeigen an, dass man weit gereist ist. Schon von weitem (Linda Bsiri: "Es ist schön, das Schloss näherkommen zu sehen.") sieht man das in der Abendsonne golden leuchtende Achteck auf seinem einsamen Thron, einem gleichmäßigen, 540 Meter hohen Kegelstumpf, dem einzigen Berg in der weiten Ebene. Wie eine Fata Morgana erhebt sich die sagenumwobene Burg des Stauferkaisers Friedrich II, deren Zweck bis heute nicht ganz geklärt ist und die bald die Rückseite des italienischen Eurocent zieren wird.

Die "Krone Appuliens" wurde mal als Gefängnis, mal für eine Hochzeit genutzt, doch ein Aufenthalt des Kaisers ist nicht nachgewiesen. Sie ist gespickt mit mathematischen, astronomischen, philosophischen oder esoterischen Wundertaten. Den Streit darüber, wann welcher Schatten im ebenso achteckigen Innenhof in welchem Winkel eine Gerade zwischen Kairo und Chartres beschreibt, überlasse ich jedoch lieber den Experten. Als sicher gilt, dass das ganze Wissen des 13. Jahrhunderts in dem Gebäude steckt und dass es vom größten Herrscher jener Zeit errichtet wurde.

Unbestritten ist auch, dass keiner, der das mächtige Bauwerk betritt, von seiner Austrahlung unberührt bleibt. Auch die acht Musiker nicht, die es im September letzten Jahres für eine Koproduktion von Südwestrundfunk und Enja-Records nutzten. Abends, nachdem der letzte Besucher den Touristenmagneten verlassen hatte, beherrschten ihre Klänge bis Mitternacht das Gebäude. Am Anfang: Stille. Nur der Hall der respektvoll-gemäßigten Schritte des Teams ist zu vernehmen. Es entsteht ein nur oberflächlich wirres Durcheinander von Instrumenten, Kabeln und Mikrophonständern.

"Du hörst, was dieser Ort dir zu sagen hat, in der Stille.", erklärt der Trompeter Pino Minafra. Er ist ganz in der Nähe aufgewachsen: "Als ich jung war, kannte ich zwar das Castel, doch es war weit weg, weil es so groß und mysteriös war." Ehrfurchtsvoll und mit Nachdruck im Blick beschreibt er seine Zweifel hinsichtlich des gewaltsamen Eindringens in dessen Ruhe: "Als wir zum ersten Mal zusammen hier waren, fragte ich mich 'Darf man das oder nicht, ist es eine Provokation?'". Und lachend fügt er hinzu: "Das Castel war wirklich böse mit mir: 'Warum kommst du hierher, und machst das?". Sicher, die Versuchung für die Musiker oder für das Plattenlabel, dieses Gebäude einfach zu vermarkten, für ihre Zwecke zu nutzen, ist stark, "so, wie man eine Cola trinkt und die Dose einfach wegwirft. Aber ich glaube, alle Beteiligten wissen, dass sie auch die Stille hier respektieren müssen, sonst verliert sie ihre Energie."

Eulen kreisen in dem Lichtkegel, den unsere Scheinwerfer in den Himmel über dem nach oben offenen Innenhof werfen. Der Tuba- und Serpentspieler Michel Godard - zusammen mit Achim Hebgen vom SWR ist er der Produzent dieses musikalischen Unternehmens - beschreibt die klanglichen Eigenschaften des Hofes: "Hier gibt es ein ganz besonderes akustisches Phänomen: Der Hof ist achteckig, hat keine Decke und die Mauern sind sehr hoch. All das ergibt eine Art Hall, die es nur hier gibt. Ich habe den Eindruck, dass sich der Klang an den Steinen entlang nach oben dreht. Das fasziniert mich. Es ist nicht wie in einer Kirche oder in einem oben geschlossenen Raum, wo der Klang zu dir zurückkommt. Der Klang geht fort und dreht sich dabei um die Steine." Der Toningenieur Max Federhofer präzisiert: "Es gibt es keine Reflektionen des Klangs auf die Mikrophone. Es bildet sich ein langer Hall aus, der aber nicht aufdringlich oder laut wirkt."

Welche Musik passt zu solch einem Gebäude? Godard erläutert: "Für Pino ist das Schloss wie eine weltliche Kathedrale. Und ich glaube, dass wir damit nahe an der Wahrheit sind. Es war immer ein Ort des kulturellen Austauschs und damit hat er schon viel mit der Jazzgeschichte zu tun. Auch die Musiker gehören verschiedenen Kulturen an. All das sollte in das Projekt einfliessen. Die Musik, die ich mitgebracht habe, basiert auf Kompositionen, die zurückgehen bis zum Mittelalter. Auch Gianluigi Trovesi (Altsaxophon und Klarinetten) macht viel mit mittelalterlicher Musik. Pinos Stück basiert auf Bandamusik zur Karwoche, es ist eine Art weltliches Gebet." Godard hatte auch den Wunsch, auf die traditionellen italienischen Lieder von Lucilla Galeazzi und auf ihre Stimme zu treffen. "Ihre Ode 'Voi Che Amate' aus dem 13. Jahrhundert ist ein Lied, das gleichzeitig religiös und populär war und vom Volk gesungen wurde. Es klingt, wie klassische Musik aus dem Mittelalter, war jedoch sehr populär."

Die Arbeitsatmosphäre ist entspannt und konzentriert. Man spürt das große Einverständnis unter allen Beteiligten. Zikaden lassen die meisten Stücke ausklingen. Der helle und glockenklare Zwiegesang von Lucilla Galeazzi und Linda Bsiri hallt in die empfindlich kühle Abendluft. Schals und Handschuhe täten Not. Ob der Kaiser von Hohenstaufen - ein Enkel Barbarossas übrigens - es uns letzten Endes aus seinem Sarkophag in Palermo heraus doch verleiden will? Die gedämpften Paukenschläge von Pierre Favre, die gerade die Wände hinauf kriechen, lenken mich von meinen verirrten Gedanken ab. Ich mag den Anblick seines riesigen Sets mit den Gongwänden inmitten dieses steinernen Achtecks. "Das ist mein Beitrag: Schweigen. Ich glaube, das Stück ist besser ohne Schlagzeug", der Kommentar des perkussiven Klangmalers zu "Ciaconna".

"Wie wär's damit: Zuerst das Akkordeon, die Tuba steigt dann später ein?", Jean-Louis Matinier und Godard sind einverstanden. Matiniers "Huit" klingt in der steinernen Kathedrale ohne Dach wie die große Orgel in der Notre Dame, seine Geschichten beim abendlichen Essen sind filmreif. Acht Ecken, acht Musiker. Der Bassist Renaud Garcia-Fons fehlt noch. Acht Könner also, die ihr Handwerk verstehen und als herausragende Solisten gelten.

Pinos andächtiges "Preghiera" findet im anschließenden "Un" einem Duo mit Godard und Favre einen reizvollen klanglichen Gegensatz. "A Vita Bella" ist eine Tarantella, deren Fröhlichkeit ansteckend wirkt und Trovesis "Crisbell" ist eine typische barock-moderne Verquickung. Die gesprochenen Texte ("Der Wind atmet hier, Gemurmel in den Gemäuern...") sind in einem Innenraum aufgenommen worden. Ebenso das Duo zwischen Michel und Pino am letzten Abend: Der Trompetenaufschrei ist Sinnbild einer ausgesöhnten Beziehung. Nach vier Abenden mit Proben und Aufnahmen sind alle reicher an menschlichen, freundschaftlichen und musikalischen Erfahrungen. Und Pino Minafra hat jetzt einen Freund mehr: Das Castel. Er ist erleichtert: "Jetzt, mit 47 habe ich es erst richtig kennengelernt und wir haben Freundschaft geschlossen. Ich kann jetzt immer hierher kommen und mit ihm sprechen". Das Kabelgewirr ist wieder weggeräumt. "Grazie, Maestri!" - "Aber Maestro!". Silence, silencio, silence, Stille.

 
Design: Kirsten Bohlig
 
01.10.1999

 

 

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